KSA Blog

Thursday, January 12, 2006

Boas und Nachfolger

"Boas und Nachfolger
Charakterisiere den Ansatz der durch Boas inspirierten, nordamerikanischen Anthropologie der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wodurch zeichnet sich eine relativistische Haltung in der anthropologischen Forschung aus und wie versuchten die NachfolgerInnen dieser Richtung diesen Ansatz weiterzuentwickeln."

Zur Person Franz Boas

Geboren wurde er in Deutschland, Minen, als Sohn einer jüdischen Familie.
Er studierte Mathematik, Physik und Geographie an mehreren deutschen Universitäten, was zu einem sehr exakten Denken und zum Wunsch nach genauen Forschungsmethoden führte.

Durch sein wachsendes Interesse an fremden Sitten und Ländern, nahm er an einer geographischen Expedition zur Baffin Insel teil[1], wofür er sich unter anderem mit Anatomischen Kenntnissen ausstattete, die sich mit den dort ansässigen Inuit beschäftigen sollte. 1885 publizierte er das Ergebnis seiner Reise : „The Central Eskimo“.
Das Erlebnis dieser Reise weckte sein latentes Interesse für die Ethnologie und er arbeitete von nun an im Royal Ethnological Museum in Berlin mit Anthropologen und Ethnologen zusammen.
Dort beschäftige er sich unter anderem mit nordamerikanischen Indianern, die ihn sehr faszinierten. 1886 reiste er für 3 Monate nach British Columbia, um Feldforschung zu betreiben. Ein Jahr später wurde ihm ein Posten der Zeitschrift Science in New York angeboten den er sofort annahm und sich in den USA niederließ, da ihm die politischen Umstände in Deutschland durch den wachsenden Antisemitismus und Nationalismus gegen den Strich gingen und seine Arbeit immer mehr behindern würden.
Ab 1888 arbeitete er zusätzlich als Dozent der Anthropologie an der Clark University, welche aber noch keine eigene Anthropologie Abteilung besaß.


Boas Bedeutung für die Anthropologie:

Boas gilt als Gründer und extremer Vertreter des Kulturrelativismus.
Dieser war seine Antwort auf den vorherrschenden Ethnozentrissmus (die eigene Kultur als das Maß aller Dinge zu betrachten und somit alle Außenstehenden automatisch abwerten) des Evolutionismus [2] und des Rassismus des 19 Jahrhunderts.

Die zentralen Aussagen des Kulturrelativismus sind [3]:
Jede Kultur ist „relativ“ und nur aus sich selbst heraus zu verstehen.
Alle Kulturen haben das gleiche Potential, aber Kontext der Umwelt prägt.
Jede Kultur ist das Resultat einer eigenen Entwicklung und Geschichte und ist einzigartig.
Kulturen kann man aus diesen Gründen nicht miteinander vergleichen.
Verhaltensmuster eines Volks sind nicht biologisch bestimmt sondern durch Kultur und Tradition geprägt (historischer Partikularismus)
Das Verstehen einer anderen Kultur ist nur schwer möglich, aber das Vergleichen von Kulturen, und die Unterschiede wirklich zu verstehen ist noch schwerer.

Boas war praxisbezogen und setzte sich für verstärkte Feldforschung ein – er übte heftige Kritik an „Armchair“ Anthropologen.
Sein eigenes Spezialgebiet war die Nordwestküste der USA, wo er bei den Kwakiutl viel forschte. Die Kwakiutl sind ein „Indianer“ Stamm mit vielen Besonderheiten, wie z.B. der Wechsel von partilinearer Gesellschaft auf eine matrilineare, was sie sich von den Nachbarn abschauten [4]. Im Grunde sind die Kwakiutl sesshafte Wildbeuter, die einen relativ hohen Lebensstandard genießen, eine strenge Hierarchie haben und sogar ansatzweise Sklaverei betreiben. Auch an diesem Punkt fielen Boas Unstimmigkeiten der Theorie des Evolutionismus auf, da dieser einer Jäger und Sammlergesellschaft keinen derart hohen Lebensstandard zugestehen würde, geschweige denn so komplexe Sozialstrukturen.
(„The Social Organisation and the Secret Societies of the Kwakiutl Indians“ 1895)
Besondere Aufmerksamkeit lenkte Boas auf den Potlatsch – ein Geschenke Austausch Ritual der Männer. Je mehr Geschenke ein Mitglied gibt, je höher wird sein Ansehen, wobei das Ansehen wichtiger war als der eigene Materielle Wohlstand.

1896 wurde Boas Lektor für „physical anthropology“ an der Columbia University, und 3 Jahre später „professor of anthropology“. Dieser einflussreiche Posten half ihm der Hauptgründer der „Modern Culture Anthropology“[5] zu werden, womit er die ethnographische Forschung in den Vereinigten Staaten revolutionierte und letztendlich zum „vice-president“ der American Anthropological Association gewählt wurde.
Neu war sein Konzept des „Four field approach“, welches ursprünglich zur Erforschung der „Indianer“ eingeführt wurde[6]:

- physische/biologische Anthropologie
- Linguistik
- Archäologie
- Kultur und Sozial Anthropologie

wurden zu Subdisziplinen der Wissenschaft in den Vereinigten Staaten, wohingegen sie sich in Europa fast ausschließlich auf die KSA beschränkt.
Boas selbst legte sehr viel Wert auf die Linguistik, da er meinte, dass das Verstehen der Sprache eine Grundvoraussetzung zum wirklichen Verstehen einer Kultur ist.
„Kultur ist wie Sprache“ – Sprache ist ein Spiegel der Kultur und erlaubt Einblicke in ihre Mentalität. Kritiker werfen ihm an dieser Stelle vor der Sprache und ihren Auswirkungen zuviel Gewicht zugemessen zu haben. Dennoch erweiterten seine Theorien über die Sprache du seine grammatikalischen Untersuchungen den Horizont der damaligen Anthropologie.
Ein weiteres Werkzeug das seinem Denken entspringt ist die Einteilung der USA in (damals noch 7 Kulturareale. Er fasste Areale mit spezifischen historischen, ökologischen und kulturellen Gegebenheiten zusammen, um vergleichende Untersuchungen der darin lebenden Nativestämme zu vereinfachen [7].

Weitere wichtige Bücher:

-“The Mind of the Primitive Man” 1911
-“Primitive Art” 1926
-“Anthropology and Modern Life” 1928
-“General Antropology” 1938
-“Race, Language and Culture” 1940

Boas starb 1942, nachdem er einige wichtige Schüler ausgebildet hatte die sein Vermächtnis weiterführten.
Zur ersten Schülergeneration zählen Kroeber, Sapir und Lowie.

Alfred Louis Kroeber (1876-1960), der 1901 bei Boas sein Doktorat machte, spezialisierte sich auf Forschungen über Native Americans, und bediente sich vor allem der Archäologie während seiner Feldforschungen um Kulturgeschichtliche Entdeckungen zu machen.
Er leistete einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der „Cultural Areas“, indem er einen Zusammenhang von Subsistenzformen sowie Bevölkerungsdichte mit bestimmten Formen des ökologischen Habitats herstellte[8].
Außerdem setzte er die Forschungen über die Sprachen der Natives fort, wobei er für wichtige Erkenntnisse und Einteilungen verantwortlich ist.
Kroeber gilt als Vertreter eines starken Kulturrelativismus, wie Boas selbst.

Robert Lowie (1883-1957) war der harte Kulturrelativismus zu einseitig und er wendete sich dem weichen Kulturrelativismus zu (Kultur ist übertragbar und vermischbar – es gibt Verbindungen zwischen den Kulturen).
Seine Forschungen beziehen sich, wie die der meisten Boas Schüler der 1. Generation auf die „Indianer“. Ihm entspring die „Salvage Ethnography“[9], deren Aufgabe es war die Reste von bedrohten Kulturen aufzuzeichnen bevor die verschwinden oder Assimiliert werden.

Edward Sapir (1884-1939) beschäftigte sich vor allem mit der Linguistik der Native Americans. Inspiriert von Boas Forschung auf diesem Gebiet stellte er gemeinsam mit Whorf
Die „linguistische Relativitätstheorie“ auf, welche besagt, dass jede Sprache eine sehr starke Grundlage hat, die die Wahrnehmung der Wirklichkeit prägt. Sprache regt das Denken an und das bestimmt die Wirklichkeit (Buch: „Sprache-Denken = Wirklichkeit“, Sapir&Whorf).
Kritiker dieser These merkten an, dass 2 -sprachig erzogene Kinder nicht in dieses Konzept passen, und dass Kinder Konzepte bilden können noch bevor sie sprechen können.
Sapir war Kopf des anthropologischen Institutes auf der Yale Universität [10].


Die wichtigsten Boas Schülerinnern der 2ten Generation sind zweifellos Mead und Benedict, welche sich überwiegend mit Kultur und Persönlichkeitsstudien beschäftigten.


Ruth Benedicts (1887 – 1948) wichtigste Werke sind:
„Chrysanthemum and the Sword“
war eine Auftragsarbeit des Office of War Information, über die Japanische Kultur zum Zweck eines besseren Verständnisses und der Hoffnung einen Kriegsvorteil daraus zu gewinnen. Sie führte dazu keine Feldforschung durch.

„Pattern of Culture“
In diesem Werk stellt sie 3 Kulturen, die Kwakiutl, die Zuni und die Dobu, die sehr unterschiedlich sind, gegenüber.
Ihre Schlussfolgerung war, dass das was als „normal“ gilt kulturell abhängig ist – „normal“ sind Menschen die sich an kulturelle Normen halten.

Ihre wichtigsten Thesen waren:
Menschliches Verhalten ist kulturell bedingt.
Kulturen müssen als ganzes Untersucht werden (Holismus).
Außerdem war sie eine ausgesprochene Gegnerin des Ethnozentrismus, und meinte dass man Kulturen nicht bewerten darf.

Allerdings wird ihr nachgesagt Tatsachen auszulassen um ihre Thesen zu stützen, und da sie selbst kaum Feldforschung betrieben hat und sich bei ihren Untersuchungen immer auf Aufzeichnungen anderer verließ fanden Kritiker einen weiten Punkt.


Margaret Mead (1901-1978) gilt als starke Vertreterin der These des Kulturrelativismus, und der Ansicht dass Sozialverhalten kulturell geprägt und erlernbar ist (Kulturdeterminismus – Kultur ist prägender als Biologie). Sie war eine der ersten Anthropologen, die Film, Foto und Tonaufnahmen zwecks besserem Verständnis und Archivierung benutzte.
Sie war die erste in der Reihe, die Feldforschungen außerhalb der USA durchführte, und die amerikanischen Werte und Moralvorstellungen hinterfragte.
1925 betrieb sie Feldforschung auf Samoa um das Verhalten der dort heranwachsenden Mädchen mit dem der Amerikanischen Teenager Mädchen zu vergleichen.
Ergebnisse der Forschung veröffentlichte sie in „Coming of Age in Samoa“, mit dem Schluss, dass dort die rebellische Phase der Pubertät nicht existiert.
Kritiker werfen ihr vor sehr einseitig recherchiert zu haben.

1931 untersuchte sie Soziale Rollen, speziell die Geschlechterrollen auf Neu Guinea, und kam zu dem Ergebnis dass auch diese Rollen kulturell bestimmt werden („Growing up in New Guinea“1930)

Mead veröffentlichte knapp 40 Bücher, für Laien und für Wissenschaftler, und hunderte Artikel in verschiedenen Journalen.
Ihr Beitrag zur KSA des 20 Jahrhunderts gilt als sehr wichtig.


Quellen:

Silverman, Sydel: The United States. In: Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman: One discipline, four ways: British, German, French, and American anthropology. Chicago 2005

VO Geschichte der KSA, Gingrich ws2005
Tutorium Geschichte der KSA ws2005

http://en.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas#Influence_and_students
http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/kulturrelativismus.html
http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/franz_boas.html
http://www.mnsu.edu/emuseum/information/biography/klmno/lowie_robert.html
http://en.wikipedia.org/wiki/Edward_Sapir
http://www.lateinamerika-studien.at/content/kultur/ethnologie/ethnologie-798


[1] http://en.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas#Influence_and_students 8.1.2006
[2] Silverman, Sydel: The United States. In: Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman: One discipline, four ways: British, German, French, and American anthropology. Chicago 2005, S.258
[3] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/kulturrelativismus.html 8.1.2006
[4] http://en.wikipedia.org/wiki/Franz_Boas#Influence_and_students 8.1.2006
[5] http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/%7Etkirrste/franz_boas.html 8.1.2006
[6] Silverman, Sydel: The United States. In: Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman: One discipline, four ways: British, German, French, and American anthropology. Chicago 2005, S.258
[7] http://www.lateinamerika-studien.at/content/kultur/ethnologie/ethnologie-798.html
10.1.2006
[8] http://www.lateinamerika-studien.at/content/kultur/ethnologie/ethnologie-798.html
11.1.2006
[9] http://www.mnsu.edu/emuseum/information/biography/klmno/lowie_robert.html
12.1.2006
[10] http://en.wikipedia.org/wiki/Edward_Sapir

Thursday, November 24, 2005

Durkheim

Durkheim4. Welche Spezifika seines Werkes machen Durkheim zu einem wichtigen Einflussgeber der anthropologischen (bzw. sozialwissenschaftlichen) Theorienbildung des 20. Jahrhunderts? Worin bestehen die Neuerungen im Denken Durkheims, die spätere Forschungsrichtungen inspirierten?


I.) Durkheims Leben

Geboren wurde er am 15. 4. 1858, in Épinal, Frankreich, als Sohn eines Rabbiners, und sollte nach familiärer Tradition in den Beruf des Vaters folgen. Auf einer Rabbinerschule lernte er Hebräisch und bekam Unterricht über das alte Testament und den Talmud. Jedoch kam es zwischen ihm und der Religion zu einem frühzeitigen Bruch, und der Wunsch des Vaters blieb auf der Strecke.
Er besuchte das Collège d’Épinal wo er, beinahe in Rekordzeit, 1874 das Baccalauréat ès lettres, und 1875 das Baccalauréat ès sciences abschloss.
1875 zog es ihn mit dem Vorhaben Lehrer zu werden nach Paris, wo er am Lycée Louis-le-Grand studierte, bis er nach 2 fehlgeschlagenen Aufnahmeversuchen im Alter von 21 Jahren
an der prestigeträchtigen École Normale Supérieure das Studium der Philosophie begann.
Nach seinem Abschluss 1882 unterrichtete er Gymnasiasten bis er zwecks Weiterbildung einen halbjährigen Aufenthalt im Deutschen Reich antrat.
Dort beschäftigte er sich vor allem mit Soziologie und Pädagogik.
1887 zog er nach Bordeaux und brachte es 1902 auf der dortigen Universität zu einem eigens für ihn eingerichteten Lehrstuhl als Ordentlicher Professor der Sozialwissenschaften und Professor der Pädagogik.
1898 gründete er die Zeitschrift „L’Année sociologique“, die damals eine kleine Revolution darstellte. Erstmals gab es eine Plattform auf der Wissenschaftler aus Verschiedenen Disziplinen, wie z.B. Philosophen, Pädagogen und Anthropologen gemeinsam veröffentlichen konnten. Für Durkheim war interdisziplinäres Arbeiten sehr wichtig, weil diese Synthese für jeden Beteiligten gewinnbringend war.
Im Rahmen dieser Zeitschrift veröffentlichte er 1903 gemeinsam mit seinem Neffen und Schüler Marcel Mauss, das Werk „Primitive Classification“.
Anhand des Totemismus der australischen Aborigines versuchen sie zu erläutern wie der Menschliche Geist klassifiziert.
Sie zeigen auf dass Gesellschaft und die Klassifizierung der Natur in sehr engem Zusammenhang stehen, dass Totems sowohl einen Bezug zur Natur als auch zur Gruppe der Menschen haben. Auf dieser Arbeit baut sein Späteres Buch "The Elementary Forms of the Religious Life“ auf.
Ab 1902 lebte er in Paris, und arbeitete als ordentlicher Professor der Pädagogik und Soziologie an der Universität.
1917 stirbt er an einem Schlaganfall im Alter von 59 Jahren.




II.) Seine Werke

Zu den wichtigsten Werken Durkheims zählen:

1.) The Division of Labor in Society (1893)
2.) The Rules of Sociological Method (1895)
3.) Suicide (1897)
4.) Elementary Forms of the Religious Life (1912)



Ad 1.) The Division of Labor in Society - Über die Teilung der sozialen Arbeit

In diesem Buch beschäftige sich erstmals ein Wissenschaftler mit dem Zusammenhalt von Individuen in verschiedenen Gesellschaften.
Der Unterschied der Gesellschaften war für ihn im Vordergrund und er unterschied zwei
Arten – industrialisierte und nicht industrialisierte, Gesellschaften mit hohem und niedrigen Grad an Arbeitsteilung. Arbeitsteilung findet man in allen Kulturen, wie zum Beispiel zwischen Mann und Frau oder Spezialisten in den Industriestaaten, und jene ist für den Zusammenhalt am grundlegendsten verantwortlich.
Sie erschafft eine Art der Solidarität als Grundstein des Zusammenhaltes einer Gesellschaft.
Er prägte zwei Konzepte:

Organische Solidarität – definiert eine Gesellschaft mit hohem Grad an Arbeitsteilung, in der die Menschen zum Überleben voneinander abhängig sind, weil nur einzelne Spezialisten für bestimmte Bereiche zuständig sind. Eben genau diese Abhängigkeit sorgt für den Zusammenhalt und garantiert die Existenz dieser Gesellschaften.

Mechanische Solidarität – definiert den Zusammenhalt von Gesellschaften mit geringem Grad an Arbeitsteilung vor allem durch Religion.
Diese sorgt für den nötigen Zusammenhalt innerhalb von Gruppen, Integration und prägt damit das alltägliche Leben durch Rituale und Routine.
Diese Art von Solidarität existiert vor allem bei Gesellschaften mit Klanwesen. Beim Aussterben einen Clans/einer Gruppe hatte dies keine bedrohlichen Konsequenzen für die gesamte Gesellschaft.[1]

Ad 2.) The Rules of Sociological Method

Durkheim präsentiert in diesem Buch seine Gedanken im Bezug auf neue soziologische Forschungsmethoden.
Er stellt anhand des Beispiels Religion fest, dass manche Phänomene neuer Untersuchungstechniken bedürfen, weil sie nicht wie in alter Tradition vermittelt in Themenbereiche der Philosophie oder Psychologie fallen, sondern ein „neues“ Forschungsgebiet darstellen. Die neue Soziologie.

Ad 3.) Suicide – Über den Selbstmord

Dieses Werk war ein Meilenstein in der Entstehung der Soziologie, weil es die ersten ernsthaften Bemühungen waren den Empirismus in dieser Disziplin zu etablieren, zwecks
Untersuchungen von Phänomenen die traditionell als psychologischen oder individualistischen Ursprungs angesehen wurden.[2]

Durkheim sammelte Daten über Selbstmorde aus verschiedensten Ländern der Welt, und stellte fest, dass Selbstmord von Kulturkreis zu Kulturkreis verschieden aufgefasst wird.
In katholischen Ländern zum Beispiel gilt es als Sünde sein Leben selbst zu beenden, und der Nachruf leidet darunter, hingegen in Ozeanien genießen Menschen die ihre angekratzte Ehre mit Rede und Selbstmord wiederherstellen hohes Ansehen.
Grundsätzlich unterscheidet er die Arten des Selbstmordes wie folgt: [3]

Egoisitic suicide: resultiert aus mangelnder sozialen Integration
Altruistic suicide: resultiert aus dem Gegenteil, einem Überschuss, einem Erdrücken durch soziale Integration.
Anomic suicide: geht aus einem Zustand heraus, in dem die Stabilität der sozialen Beziehungen gestört ist und für den es keine gesellschaftlichen Normen gibt.
Dies war der Forschungsschwerpunkt seiner Arbeit und er unterteilte hier in vier weitere Kategorien.
- Acute economic anomie – Fehlen von „Sozialorganisationen“
- Chronic economic anomie – Illusion von Wohlstand = Glück
- Acute domestic anomie – Unfähigkeit sich neuen Umständen anzupassen (zB Witwen)
- Chronic domestic anomie – Zuviel Kontrolle des Individuums in der Ehe

Fatalistic suicide: Zuviel Kontrolle von Außen, wird aber von Durkheim nur am Rande erwähnt.


Ad 4.) The Elementary Forms of the Religious Life

Trotz seines Bruchs mit der Religion blieb diese eines seiner Hauptinteressensgebiete.
Durkheim stützte seine Untersuchungen primär auf das Glaubenssystem der australischen
Aborigines, das für ihn die elementarste Form der Religion innerhalb einer Kultur darstellte (Totemismus). Er erkannte, dass Religion als soziales Geflecht zu sehen ist das dem Individuum innerhalb einer Gesellschaft als Quelle für Solidarität und Identifikation dient (siehe auch mechanische Solidarität). Der Glaube schließt eine Gruppe zusammen, stellt moralische Werte, Autoritätsfiguren und gibt dem Leben Sinn. Also hat sie eine Funktion und entspringt nicht zufällig der Fantasie der Menschen.
Er teilte in zwei Kategorien ein, die in vielen Kulturen vorkommen: das „Heilige“ (sacred) und das Profane. Das Heilige repräsentiert alles was mit dem Glaubenssystem in Verbindung steht – Rituale, Symbole, Traditionen, Normen …. , und das Profane steht für alles im Leben, was von der Religion unabhängig ist. Diese beiden Kategorien interagieren, und keine der beiden „Welten“ kann ohne der anderen existieren. Die Trennung zwischen Heilig und Profan kommt in allen Religiösen Traditionen vor.



III.) Sein wissenschaftliches Vermächtnis

Émile Durkheim gilt als Revolutionär der französischen Anthropologie und als einer der „Gründerväter“ der modernen Sozialwissenschaften und des Funktionalismus. Auch wenn er als „Armchair Anthropologist“ niemals selbst Feldforschung betrieben hat, sind seine Arbeiten von unschätzbarem Wert für die KSA. Er war der Erste der die Wichtigkeit von interdisziplinärem Arbeiten erkannte und es auch praktizierte, was für die KSA bis heute elementar ist. Seine Werke und Theorien beeinflussten nicht nur seinen Neffen Marcel Mauss, sondern die gesamte nächste Generation wie z.B. auch die Funktionalisten A.R. Radcliff-Brown und Malinovski. Auch für die Feldforschungen von Franz Boas bei den Natives in Nordamerika waren seine Werke wichtige Grundlagen.

Seine Untersuchungen über das Individuum als Produkt der Gesellschaft führte zur Gründung der Soziologie als eigene Wissenschaftliche Disziplin.







Quellen:

Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman: One discipline, four ways: British, German, French, and American anthropology. Chicago 2005

http://durkheim.itgo.com/main.html

http://www.kfunigraz.ac.at/sozwww/agsoe/lexikon/klassiker/durkheim/12bio.htm

http://de.wikipedia.org/wiki/Émile_Durkheim

http://www.relst.uiuc.edu/durkheim/





[1] Parkin, Robert: The French-Speaking Countries. In: Frederik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin, Sydel Silverman: One discipline, four ways: British, German, French, and American anthropology. Chicago 2005, S.178
[2] http://durkheim.itgo.com/suicide.html%2023.11.2005
[3] http://durkheim.itgo.com/suicide.html%2023.11.2005

Friday, November 04, 2005

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